„Wie ich beinah den Draht zu meinem Team verlor“

Jasmin Cavalcanti, Co-Founderin und Teamlead, berichtet offen und ehrlich darüber wie sie beinah den Draht zu ihrem Team verlor

Ganz ehrlich, 2020 war in Sachen Umsatz unser Jahr, das stärkste in der myTalentscout Geschichte und dennoch hat es Spuren hinterlassen.

2020 hat mich in vielfältiger Weise bewegt: ich war entschlossen, habe viel gelacht, war hochmotiviert, aber ich war auch verunsichert, fühlte mich mitunter gelähmt, habe den Draht zu meinem Team verloren und Hilfe gesucht.

Hier ist mein persönlicher Erfahrungsbericht:

Zu Beginn des ersten Lockdowns sprühte ich vor Energie. Diese neue Herausforderung, vor der wir alle standen, hat mich beflügelt. Schnell mussten in allen Belangen unseres Berufes neue Lösungen geschaffen und etabliert werden. Darüber hinaus kurbelten wir kurzerhand unseren Vertrieb an, um die durch die Pandemie wegfallenden Kunden nicht so stark zu spüren. Ich liebe es „out of the box“ zu denken und das konnte ich nun voll ausleben.

Rückblickend würde ich sagen, das ich mich in einer Art „Überlebensmodus“ befand. Da mich interessiert was in mir vorgeht, was mich bewegt habe ich mich als Laie in die Welt der Psychologie gestürzt und bin über den Begriff „arousal“ gestolpert. Arousal bedeutet eine durch sensorisch ankommende Impulse, Aktivierung des Cortex, was wiederum zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit und Wachheit führt. Es schafft Resilienz.

Dann kam der Sommer und ein Gefühl von „wir haben das schlimmste hinter uns“ stellte sich ein. Das große Aufatmen. Wir haben es geschafft. Als die zweite Welle folgte nahm ich war, wie meine Resilienz schwand. Alles was zuvor leicht von der Hand ging wurde zunehmend zäh´ wie Kaugummi.

Im Herbst war ich einfach nur noch Müde.

So wie mir, ging es sicherlich auch all meinen Kollegen. Wir alle wurden mit Nachrichten/und Wahrnehmungen „der anderen“ konfrontiert. Berichte über Langeweile im Privatleben, Berichte über aufkeimende Gefühle zwischenmenschlicher Distanz aufgrund fehlender physischer Nähe, Berichte über Existenzängste, Berichte über allgemeine Verunsicherung. Diese Stimmen wurden auch „in mir“ zunehmend lauter.

In Krisen neige ich dazu dringende Dinge zu erledigen (Überlebensmodus) und wichtige Dinge (Fokus) beiseite zu schieben. Ein besonders wichtiger Punkt ist der Kontakt zu meinen Kollegen. Den habe ich über die Zeit verloren. Ich war so im Überlebensmodus gefangen, dass ich das was wirklich wichtig war schlichtweg übersehen habe. Klar habe ich lautstark formuliert „wenn ihr Schwierigkeiten habt, dann kommt auf mich zu“. Dennoch habe ich nicht aktiv das Gespräch zu meinen Kollegen gesucht, um zu erfahren wie es ihnen in diesen Zeiten ergeht. Zeiten in denen sicher alle mit „arbeiten in Isolation“, Ängste um die eigene Gesundheit, Unsicherheit auf beruflicher und privater Ebene und einem hohen Arbeitsaufkommen zu kämpfen hatten. Als Führungskraft war ich nicht präsent genug, habe zu wenig Mitgefühl gezeigt.

Die kritischen Stimmen des Teams wurden immer lauter und auch untereinander entstanden zunehmend Konflikte. Ich bin jedem einzelnen Kollegen für diesen deutlichen Weckruf dankbar. Gemeinsam mit meiner Geschäftspartnerin Juli, wurde uns immer klarer, dass wir jetzt handeln müssen um alle wieder zueinander zu finden. Jetzt und nicht nach der Pandemie! Juli kennt eine Expertin für Unternehmenskultur, die wir zu Rate zogen. Am Thema Unternehmenskultur zu arbeiten ist teuer und kostet viel Zeit. Für mich, für Juli und für alle Kollegen. Wollen wir diesen Schritt wirklich wagen, oder ist es klüger jeden Euro beisammen zu halten? Wir beschlossen uns künftig sowohl um die dringenden, als auch um die wichtigen Sachen zu kümmern und starteten die Zusammenarbeit mit der Expertin.

Jede Kollegin und jeder Kollege hat nun den Raum und den Mut aktiv unser aller Unternehmen mit aufzubauen und jeder macht mit. Dafür bin ich unendlich dankbar. Sind wir schon am Ende dieser Reise? Nein! Unsere Reise hat gerade erst begonnen. Mein wichtigstes learning aus 2020? Verliere niemals den Draht zu deinem Team. Nur zusammen ist unser Unternehmen ein erfolgreiches Unternehmen.